Viele S/4HANA-Anwender haben ihre HCM-Komponente über den sogenannten Compatibility Mode auf derselben Instanz weiterbetrieben, ohne zusätzliche Installation. Dieses Modell war immer als Übergang gedacht. Ursprünglich sollten die Nutzungsrechte für die meisten Compatibility Packs Ende 2025 enden; SAP hat einen letzten Übergangszeitraum bis Ende Mai 2026 gewährt. Dieser Zeitraum ist inzwischen verstrichen.
Der entscheidende Punkt wird häufig übersehen: Es geht nicht um Produktwartung, sondern um das Nutzungsrecht. Dass eine S/4HANA-Version technisch weiter unterstützt wird, bedeutet nicht, dass die enthaltene Compatibility-Pack-Funktionalität nach dem Stichtag noch genutzt werden darf. Wer sie weiter einsetzt, befindet sich in einer Lizenzverletzung, auch wenn das System technisch unverändert läuft.
Das System läuft weiter wie bisher, aber das Nutzungsrecht ist erloschen. Für HR und Payroll entsteht daraus ein Compliance- und Audit-Risiko, das unabhängig von der technischen Funktionsfähigkeit besteht.
Warum HCM besonders betroffen ist
Personalabrechnung und Zeitwirtschaft gehören zu den Prozessen mit der höchsten Betriebskritikalität. Ein unterbrochener oder falsch laufender Abrechnungslauf trifft unmittelbar die Beschäftigten. Anders als bei manchen anderen Compatibility-Scope-Bausteinen lässt sich HCM nicht einfach abschalten und später ersetzen, es muss durchgehend verlässlich laufen.
Hinzu kommt: Custom-Entwicklungen, Schnittstellen und Formulare, die auf der bisherigen HCM-Funktionalität aufsetzen, hängen mittelbar an derselben Frist. Wer nur die Kernfunktion betrachtet und die abhängigen Z-Entwicklungen übersieht, unterschätzt den Umfang.
Die drei Wege nach dem Compatibility Pack
1. Wechsel zu H4S4 (SAP HCM for S/4HANA)
H4S4 ist die On-Premise-Nachfolgelösung und seit S/4HANA 2022 integraler Bestandteil. Sie garantiert den HCM-Betrieb außerhalb der Cloud langfristig und ist der naheliegende Weg für Unternehmen, die nicht zu SuccessFactors wechseln wollen oder können, etwa weil benötigte Funktionen dort nicht abgebildet sind. SAP positioniert H4S4 ausdrücklich als Brücke, die zusätzliche Zeit verschafft.
2. Carve-out auf ein getrenntes System
Wird das HCM-System auf einer eigenen physischen Instanz betrieben, getrennt vom ERP, lässt es sich unabhängig weiter nutzen. Diese physische Trennung kann auch nachträglich hergestellt werden. Der Carve-out verschafft Handlungsspielraum, ist aber selbst ein Projekt mit eigenem technischem Aufwand.
3. Wechsel zu SuccessFactors Employee Central
Der strategische Zielpfad von SAP führt langfristig in die Cloud zu SuccessFactors. Dieser Weg ist der weitreichendste und erfordert die Ablösung gewachsener On-Premise-Prozesse. Er ist selten die schnelle Antwort auf eine abgelaufene Frist, sondern eine eigene Transformationsentscheidung.
H4S4 und Carve-out sind die pragmatischen Wege, um Compliance kurzfristig herzustellen. SuccessFactors ist eine strategische Richtungsentscheidung, kein Notnagel für eine verstrichene Frist.
Technisches Vorgehen bei der H4S4-Migration
Die kritischste Voraussetzung ist die S/4HANA-Readiness des ERP-Systems. Ohne diese allgemeine Bereitschaft ist eine HCM-Migration nach H4S4 zum Scheitern verurteilt. Zwei SAP-Standardprüfungen bilden die Grundlage:
- Simplification Item Check über den Report
/SDF/RC_START_CHECK, der die relevanten Vereinfachungen und deren Auswirkung auf das System ermittelt. - Readiness Check über
RC_COLLECT_ANALYSIS_DATA, der die systemweite S/4HANA-Bereitschaft auswertet.
Auf dieser Basis wird geprüft, ob die aktuelle HCM-Konfiguration von einer oder mehreren Simplifications betroffen ist. Erst danach lässt sich der konkrete Migrationsaufwand seriös schätzen. Parallel gehören die abhängigen Custom-Entwicklungen, Schnittstellen und Formulare auf den Prüfstand, denn sie müssen den Wechsel mittragen.
* Ausgangspunkt jeder H4S4-Bewertung: Readiness des Systems
* 1) Simplification Item Check
SUBMIT /sdf/rc_start_check.
* 2) Readiness-Analyse einsammeln
SUBMIT rc_collect_analysis_data.
* Ergebnis: Liste betroffener Simplification Items,
* die vor der HCM-Migration bewertet werden muessen.
Empfohlene Reihenfolge
- Bestandsaufnahme: Welche Compatibility-Scope-Funktionen sind produktiv im Einsatz? Abgleich mit dem betroffenen HCM-Umfang.
- Readiness prüfen: Simplification Item Check und Readiness Check auswerten.
- Abhängigkeiten erfassen: Custom Code, Schnittstellen und Formulare, die an HCM hängen.
- Zielbild festlegen: H4S4, Carve-out oder SuccessFactors, je nach Funktionsbedarf und Strategie.
- Umsetzung und Validierung, mit besonderem Fokus auf lückenlose Abrechnungsläufe.
Wer erst nach dem Stichtag beginnt, arbeitet unter Compliance-Druck. Die technische Migration selbst folgt aber denselben Schritten, unabhängig davon, ob sie vorausschauend oder unter Zeitdruck erfolgt. Entscheidend ist eine saubere Readiness-Analyse als Fundament.
HCM-Readiness und H4S4-Aufwand bewerten lassen
Von der Readiness-Analyse bis zur technischen Umsetzung der HCM-Migration, inklusive der abhängigen Custom-Entwicklungen.